Kreditscoring: Bonitätsprüfung durch Facebook, Ebay & Co

Hochsensibel sind persönliche Daten und sollten eigentlich auch genauso behandelt werden. Doch im Zeitalter des Internets, der mobilen Daten und des GPS-Trackings scheint Datenschutz trotz seiner Bedeutung nur noch zum Feigenblatt zu werden – mit dramatischen Folgen für den privaten Finanzalltag.

Die große Datenflut: Wie „Big Data“ unsere Welt verändert

Die Analyse großer Datenmengen ist gerade dabei, unsere Welt kräftig umzukrempeln. Das beschert uns enormen wissenschaftlichen Fortschritt. Es macht uns aber zugleich auch so „kontrollierbar“ und „nackt“ wie nie zuvor. Ein Artikel von Martin Schramm.

or allem in der Forschung braucht man immer präzisere Maschinen, Sensoren und Messinstrumente, um in immer aufwändigeren Experimenten nach immer kleineren, kaum noch nachweisbaren Effekten zu fahnden. Das sorgt für immense Datenmengen. Ein Paradebeispiel: die Suche nach dem sogenannten „Higgs-Teilchen“, im Teilchenbeschleuniger am Europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf. Dort fallen rund ein Petabyte Rohdaten an – pro Sekunde. Das ist selbst für Big Data zu viel. Die Datenflut wird im CERN daher stark gefiltert: im Jahr 2012 auf fast schon wieder bescheiden klingende 25 Petabyte, für das gesamte Jahr. Diese Daten werden dann auf elf Rechenzentren weltweit verteilt und ausgewertet.

Sprechstunde bei Dr. Watson

Längst machen sich Forscher auch daran, die Datenschätze zu heben, die in den Krankenhäusern dieser Welt schlummern: in den Akten von Patienten, mit wertvollen Informationen über Krankheitsverläufe. Auch die Daten der Krankenversicherungen werden analysiert; die bei den Anbietern von Gentests; und natürlich die der unzähligen Studien zu allen möglichen Wirkstoffen, deren Risiken und Nebenwirkungen. Die Vision: eine „personalisierte Medizin“, in der jeder Patient eine Behandlung erhält, die ganz individuell auf ihn und seine persönlichen Risikofaktoren abgestimmt ist.

IT-Firmen wittern einen gigantischen Markt – und arbeiten bereits an konkreten Big Data Anwendungen. IBM zum Beispiel hat große Pläne mit seinem Computersystem „Watson“. Vor einigen Jahren legte das einen medienwirksamen Sieg hin – in der amerikanischen Quizshow „Jeopardy“ – bei der die Kandidaten schneller als ihre Mitspieler eine passende Frage auf eine vorgegebene Antwort formulieren müssen. Jetzt soll Watson helfen, Krebspatienten effektiver zu behandeln. Das System wertet dazu rund zwei Millionen Seiten medizinischer Fachliteratur und 6000 medizinische Studien aus. Auf Anfrage sucht es dann beispielsweise nach Patienten, deren Krankengeschichte dem aktuellen Fall möglichst ähnlich ist und macht Vorschläge zur Behandlung des Patienten.

Doch auch andere Forschungsbereiche werden immer mehr „datengetrieben“: Egal ob es darum geht, die Wettervorhersage zu optimieren, Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels zu erforschen, Börsenkurse zu berechnen, Genomdaten auszuwerten oder zu erkennen, wie Grippewellen sich ausbreiten. Intelligente Energienetze werden so gestaltet; Vorhersagen formuliert, wie die nächste Bundestagswahl ausgehen könnte.

Der umworbene Kunde

Auch den IT-Konzernen selbst soll Big Data helfen, ihre Kunden besser zu verstehen – und ihnen so bessere, weil individuelle Angebote zu machen; oder gezielt Werbung einzublenden – nach dem Motto: Sie haben sich für Produkt xy interessiert, daher könnte für sie auch Folgendes interessant sein. Die Firmen lesen und sammeln daher oft sämtliche Spuren, die ein Kunde im Netz hinterlässt – um diese Daten dann miteinander zu verknüpfen. Sie wissen so im Extremfall: Welche Suchbegriffe jemand eingibt; welche Seiten er sich im Web ansieht; welche Mails er schreibt; mit wem er telefoniert; wo er sich befindet; und so weiter und so fort – alles zum Wohl des Kunden, angeblich.

Auch der Physiker Michael Feindt hatte die Idee, dass sich sein Know how aus der Teilchenphysik sehr gut für kommerzielle Anwendungen nutzen lässt. Er hat eine Software entwickelt, um vorherzusagen, welchen Schaden beispielswiese der Versicherungsnehmer einer KFZ-Haftpflicht im nächsten Jahr verursachen könnte. Das Ziel ist dabei, persönliche Risiken noch präziser abzuschätzen und Tarife noch individueller zu gestalten. Das System taugt aber auch, um Absatzprognosen zu erstellen – z.B. für Supermärkte. Für ganz bestimmte Artikel, in einem ganz bestimmten Geschäft, an einem ganz bestimmten Tag – interessant vor allem für frische Ware, die schnell verdirbt. Michael Feindt spricht von typischen Verbesserungsraten von 10 Prozent bis zu 40 Prozent. Daten und Datenanalyse werden so zunehmend zu einem wertvollen Rohstoff, mit dem sich viel Geld verdienen lässt.

Ein Datenpool, der ebenfalls große Begehrlichkeiten weckt, sind die sogenannten „Social Media“ – also all das, was Nutzer bei Diensten wie Twitter oder Facebook schreiben und einstellen; aber auch in Blogs oder Diskussionsforen aller Art: Texte, Bilder, Videos – oder Kommentare und Kundenrezensionen in Online-Shops.

Es gibt rund fünf, sechs Unternehmen, die diese „Social Media“-Daten als Dienstleister sammeln, um nicht zu sagen „aus dem Netz saugen“ – und diesen gigantischen Datenpool dann anschließend anderen Firmen kostenpflichtig zur Verfügung stellen. Und die wollen dann z.B. wissen: Was denken die Kunden über unsere Produkte? Was ist gut, was ist verbesserungsfähig? Wo schneidet der Wettbewerber besser ab?

Ambivalente Datenflut

Datenschützer bekommen angesichts der immensen Datenmengen heftige Bauchschmerzen. Und auch wenn in Deutschland personenbezogene Daten nur für ganz bestimmte Zwecke gespeichert werden dürfen, und dies auch erst dann, wenn der Betroffene zugestimmt hat – die Großkonzerne in Übersee juckt das herzlich wenig. Google beispielsweise hat in Europa mehrere Klagen am Hals.

Ein häufiges Gegenargument der Firmen: Die Daten seien doch alle anonymisiert. Doch das überzeugt Datenschützer wenig. Sie erleben im Alltag ständig, wie aus „anonym“ ganz schnell wieder „personenbezogen“ wird. Datenschützer fürchten außerdem, dass Menschen zum Spielball einer anonymen Analysesoftware werden – z.B. in den Händen technikgläubiger Banker. Denn Dank Big Data werden die Angebote für den Kunden oft nicht „optimiert“, sondern der Kunde selbst wird „diskriminiert“. Wenn beispielsweise ein Kreditantrag durch die Bank abgelehnt wird, können die meisten Verbraucher die Gründe für eine derartige Abfuhr oft gar nicht mehr durchschauen.

Wenn wir am Ende als sozusagen „Rundum-Big-Data-analysierte Kunden“ nicht komplett „nackt“ da stehen wollen, sondern Wert auf Privatsphäre und Anonymität legen, wird nur helfen, diese Rechte massiv einzufordern – und persönliche Konsequenzen zu ziehen: Wir sollten uns vor allem gut überlegen, welche Daten von uns wir wo überhaupt Preis geben. Denn sind sie erstmal in der Welt, ist es oft kaum noch möglich, sie zurückzuholen.

Dieser Artikel von Martin Schramm (Redaktion: Wolfgang Kasenbacher) ist im Original zu finden auf der Webseite des Bayerischen Rundfunks.

Mobile Gesundheitsdaten: Datenschutz bei Apps und Wearables

Laut Bundesdatenschutzgesetz muss jeder selbst über seine persönlichen Daten bestimmen können. Besonders schutzbedürftig sind Gesundheitsdaten, die beispielweise Handy-Apps oder Smartwatches sammeln. Die meisten Anbieter gehen allerdings wenig verantwortungsvoll mit diesen sensiblen Daten um.

Sie messen Puls, Herzschlag, Ernährungs- und Schlafgewohnheiten: Wearables – also tragbare Computersysteme wie Fitnessarmbänder oder Smartwatches – sammeln intime Daten, die detailliert Auskunft über den Gesundheitszustand des Nutzers geben. Deshalb müssten sie eigentlich genauso der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen wie der Arzt um die Ecke. Das heißt, sie dürfen die Daten nicht ohne ausdrückliche Zustimmung sammeln oder weitergeben und müssen sie vor Hackerangriffen schützen. In der Realität klaffen allerdings riesige Sicherheitslücken.

„Weniger als 50 Prozent der Anbieter, die wir untersucht haben, haben überhaupt eine Datenschutzerklärung mitgeliefert. Und die Datenschutzerklärungen, die wir gesehen haben, waren in den meisten Fällen zweifelhaft. Es wurde überhaupt nicht darüber nachgedacht, diesen Bereich vernünftig zu regeln. Die technische Schlampigkeit resultiert auch daraus, dass man es gar nicht besser machen wollte.“

Thomas Hemker, Sicherheitsexperte der Firma Symantec

Viele Gesundheitsdaten extrem sind schlecht gesichert

Die Computer-Sicherheitsfirma Symantec hat den Datenschutz bei Wearables in einer Studie untersucht, mit ernüchternden Ergebnissen. Die sensiblen Daten waren auf den Servern der Anbieter extrem schlecht gesichert. In einigen Fällen gelang es den Sicherheitsexperten mit einfachsten Tricks, die Gesundheitsdaten fremder Personen abzurufen – selbst jemand ohne spezielle IT-Kenntnisse hätte theoretisch auf die sensiblen Informationen zugreifen können, bemängelt Thomas Hemker von Symantec. Außerdem verteilten einige Wearable-Hersteller die Daten großzügig an andere Anbieter, und das ohne nachzufragen. „Eine App, die wir untersucht haben – ich glaube, sogar die, die sexuelle Aktivität getrackt hat – hat nicht nur Daten an den Hersteller zurückgefunkt, sondern sie auch an 14 weitere Datenempfänger weitergeleitet“, so der Sicherheitsexperte. „Damit kann man diese Daten nicht mehr kontrollieren.“

Den Originalartikel mit zahlreichen Klicktipps und zusätzlichen Informationen finden Sie im Bayern 2 Notizbuch auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks.

Digitale Selbstverteidigung: Tipps, wie Sie Daten im Internet schützen

Es passiert jeden Tag, jede Minute, die wir online sind: Wir suchen nach bestimmten Begriffen bei Google, liken bestimmte Posts bei Facebook und interessieren uns für bestimmte Produkte bei Amazon. Dabei hinterlassen wir Spuren und verraten unsere digitale Identität. Zeit für digitale Selbstverteidigung.

Wann? Wer? Wo? Warum? Online-Tracking muss transparenter werden

Online-Tracking zu Werbezwecken ist gang und gäbe im Netz. Das Problem dabei ist weniger, dass Daten erhoben werden, sondern dass die Datensammler das im Geheimen tun. Wie Nutzer sich dennoch informieren können und warum die Branche transparenter werden muss – ein Kommentar von Andreas Weck vom t3n-Magazin. Read More

Eine Top 22 der vertracktesten Websites: Wer lässt die meisten Daten sammeln?

Bild, Russia Today, Buzzfeed oder Pornhub?  Wie die meisten von uns wissen, tracken zahlreiche Webseiten User-Daten für externe Services und Drittanbieter. Einige mehr, andere weniger. Teils sind sie praktisch oder schwierig zu vermeiden (Analytics oder Facebook/Twitter-Integration), teils dienen sie reinen Werbezwecken. Wir haben in einem Testlauf überprüft, welche Seiten am eifrigsten Informationen für Werbevermarkter und Co. abgreifen und sind teils doch sehr überrascht.

Ende der Privatsphäre: Grenzenloses Tracking im Internet

Wer im Netz surft, dem schauen Datensammler und Internetriesen wie Facebook und Google über die Schulter. Aus den durch Tracking gewonnen Daten können nämlich nicht nur Rückschlüsse über Lieblingsfarbe und Schuhgröße gezogen werden. Über Freunde und Freundesfreunde versuchen Programme inzwischen schon, die Kreditwürdigkeit des Nutzers, seine sexuellen Vorlieben und seine politischen Einstellungen festzustellen. Das ist in Deutschland verboten. Doch gemacht wird’s trotzdem.

Facebook = Internet? Wie Facebook Armut zur Goldmine macht

Stell dir vor, du bist auf Facebook und hast keine Ahnung, dass du gerade im Internet surfst. Die Hälfte der Facebook-Nutzer in Nigeria und Indonesien denkt anscheinend genau so. Und Facebook weiß diesen Zustand zu nutzen. Ein Beitrag von Luisa Casci für PULS.

Bei einer Studie in Südostasien fiel Wissenschaftlern 2012 etwas komisches auf: Mehr Menschen gaben an, Facebook zu nutzen als das Internet. Aus dieser Beobachtung entwickelten sie die These, dass diese Leute glauben könnten, Facebook sei nicht Teil des Internets. Jetzt wurde eine weitere Studie in Nigeria und Indonesien durchgeführt – zwar mit insgesamt nur 1000 Teilnehmern, sie bestätigt aber die Theorie und zeigt den deutlichen Trend hin zur fehlenden Verbindung zwischen Facebook und Internet. Die Befragten sind durchschnittlich zwischen 22 und 25 Jahre alt. Facebook ist in diesen Ländern teilweise der einzige Zugang zum Internet. Menschen gehen tatsächlich in einen Handyladen und verlangen Facebook auf ihrem Handy, nicht Internet.

Was bedeutet das für Menschen in Entwicklungsländern?

Dadurch, dass die Nutzer in den betroffenen Ländern so auf Facebook fokussiert sind, lagern Anbieter Werbung und Content fast komplett auf Facebook um. So bekommt Facebook noch viel mehr Einfluss, als es dort ohnehin schon hat. Das Projekt Internet.org, das Mark Zuckerberg mitorganisiert, fördert das nur noch weiter. Es ist zwar eine App, die kostenloses Internet in der Dritten Welt verbreiten soll, aber mit Einschränkungen. Darüber sollen Wikipedia, die Google-Suche, eine App über Frauenrechte, ein Ebola-FAQ, das Wetter und natürlich Facebook verfügbar sein. Sobald man aber auf ein Ergebnis in der Google-Suche klickt, kostet es Geld.

Bauen sich Facebook und Google ein Internetmonopol?

Die Organisation verkauft die App zwar als selbstlosen Dienst an die Armen der Dritten Welt, kritische Stimmen beschweren sich jedoch über die fehlende Netzneutralität. Wenn die Menschen weiterhin nur diese Art von Internetzugang kennen, werden sie auch nur diesen nutzen. Für Mark Zuckerberg ist das eine Goldmine, denn das bedeutet viele weitere Millionen Facebook-Nutzer. Zwei Drittel der Weltbevölkerung haben nämlich bis jetzt noch nicht einmal Zugang zum Internet. Die Internet.org-App kann dieses Problem lösen. Zuckerberg selbst konnte das Projekt nicht ganz selbstlos darstellen und gab zu, dass Internet.org sich in Zukunft für ihn auszahlen könnte. Auf den Philippinen wurde ein Teil von Zuckerbergs Vison schon umgesetzt: Smartphone-User können dort Facebook bereits kostenlos nutzen.

Den Originalartikel und Klicktipps zum Thema finden Sie auf den Seiten von PULS, dem Jugendprogramm des Bayerischen Rundfunks.

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