Datenschutz

Anti-Tracking-Dienste: Surfen, ohne verfolgt zu werden

Auf welchen Seiten surfe ich, welche Videos schaue ich und welche Produkte suche ich? Sogenannte Tracker verfolgen uns im Netz, um das herauszufinden. Dabei ist es gar nicht so schwer, anonym zu bleiben – auch mit dem Smartphone. Ein Beitrag von Hardy Funk (PULS).

Sie heißen Doubleclick, Nugg.Ad oder ChartBeat: Sogenannte Tracker, die uns im Netz auf Schritt und Tritt folgen. Manchmal schicken sie Analyse-Daten an die Betreiber von Webseiten. Meistens aber helfen sie Werbefirmen zur gezielten Schaltung ihrer Werbung und mindestens genauso oft haben Google oder Facebook ihre Finger im Spiel. Auf Datenschutz wird oft verzichtet. Aber man kann sich gegen Tracker wehren. Und dafür muss man kein Tech-Nerd sein. Manchmal reicht ein Häkchen in Browser, manchmal ein ruckzuck installiertes Add-On. Und auch mit dem Smartphone kann man anonymer unterwegs sein. Wir zeigen euch, wie es geht.

Do Not Track und der „Porno-Modus“

Der erste Schritt in Richtung anonymes Surfen ist denkbar einfach: Mit einem Klick kann man im Browser die Do-Not-Track-Funktion aktivieren. Damit übermittelt man Webseiten den Wunsch, nicht getrackt zu werden. Das funktioniert bei Google Chrome genauso wie bei Firefox, Opera, Internet Explorer und Safari.

Der Haken: Man wünscht sich, nicht getrackt zu werden – aber dieser Wunsch wird nur in den seltensten Fällen erfüllt. Denn Seitenbetreiber sind nicht verpflichtet, die Do-Not-Track-Funktion zu respektieren.

Dann gibt es noch die Privatssphäre-Funktion der Browser, auch „Porno-Modus“ genannt. Die heißt bei Chrome „Inkognito-Modus“, bei Firefox und Safari „privates Fenster“ bzw. „privates Surfen“ und beim Internet Explorer „InPrivate Browsen“. Bedeuten tut sie immer das Gleiche: Surft man „privat“, speichert der Browser keinen Verlauf, keine Cookies und keine Such- und Formulareingaben. Der Freund oder die Freundin können also nicht sehen, was man im Internet alles so treibt.

Andere Webseiten können das aber noch: Die Privatssphäre-Funktion verhindert nicht, dass auf den Servern der Webseiten und Tracker Daten über mich gesammelt und gespeichert werden. Für einen verlässlichen Schutz reichen die browsereigenen Funktionen nicht aus. Aber es gibt eine fast genau so einfache Alternative: Anti-Tracking-Add-Ons.


Auf dem Smartphone funktioniert das genauso wie bei jedem Browser – und ist genauso wirkungslos.


Ghostery

Eines der beliebtesten Anti-Tracking-Add-Ons ist Ghostery. Es ist mit zwei Klicks installiert und kann ordentlich schockieren: Denn Ghostery zeigt, welche Tracker auf jeder Homepage aktiv sind. Und das sind einige: 14 bis 17 bei Vice und Süddeutscher Zeitung, drei bis sechs bei Zalando oder Frontlineshop und sogar zwei bei PULS (welche und warum, erklären wir weiter unten). Bei Google, Facebook, Twitter und YouTube werden wir dagegen höchstens von ein oder zwei Trackern verfolgt. Eine trügerische Zurückhaltung, denn immerhin fließen die meisten Daten der Tracker auf anderen Seiten an genau diese Unternehmen.

Nach dem Schock folgt aber schnell das Aufatmen: All diese Tracker kann man mit wenigen Klicks einzeln, nach Kategorien oder komplett blocken. Das Surfen selbst wird dabei kaum beeinträchtig. Im Gegenteil: Die Seiten sind – ein angenehmer Nebeneffekt – größtenteils von Werbung befreit und die Inhalte werden sogar minimal schneller angezeigt. Lädt eine Seite doch einmal nicht, kann man mit einem Klick eine einmalige oder permanente Ausnahme hinzufügen – allerdings wird man in diesem Moment auch wieder getrackt.

Trotzdem steht Ghostery seit einiger Zeit in der Kritik: Denn wer das Feature „Ghostrank“ aktiviert, sendet Daten über die gefundenen Tracker an den Ghostery-Inhaber Evidon. Das Unternehmen nutzt diese Daten, um anderen Firmen Software rund um Tracking zu verkaufen. Der User muss diese Funktion zwar erst aktivieren und Evidon beteuert auch, die Daten stets zu anonymisieren, ein fahler Beigeschmack bleibt aber trotzdem. Auch, weil der Quellcode des Add-Ons nicht offen einsehbar ist.


Auf dem Smartphone gibt es Ghostery für iOS und Android. Als Browser-Add-On für den Firefox führt es dort allerdings oft zu Abstürzen. Anders in der Version als eigenständiger Browser: Der kann durchaus mit den Großen mithalten, bietet mehrere Tabs, Lesezeichen und die gängigen Share-Optionen. Wie bei der Desktop-Version kann man dort alle oder einzelne Tracker blocken und den Verlauf löschen lassen.


Disconnect

Die Schwäche von Ghostery ist die Stärke von Disconnect: Das Add-On ist im Gegensatz zu Ghostery quelloffen. Das heißt, jeder mit den entsprechenden Kenntnissen kann den Quellcode einsehen und versteckte Hintertüren oder Sicherheitslücken aufdecken.

Ein Vorteil, vor allem weil Disconnect genauso schnell und einfach installiert ist wie Ghostery und ähnlich funktioniert. Auch hier gibt es einen Counter, der die erschreckend hohe Zahl von Trackern zählt. Auch hier kann man sich die Tracker anzeigen lassen und entweder einzeln, nach Kategorien oder komplett blocken. Der Counter schlägt zwar aufgrund einer anderen Zählweise noch weiter nach oben aus und die App macht in Chrome und Safari optisch mehr her – im Endeffekt findet der Dienst aber die gleichen Tracker, bietet die gleichen Informationen und die gleichen Funktionen.


Auf dem Smartphone gibt es Disconnect für iOS und Android als eigenständige App. Android-User dürfen sich schon während der Installation wie Staatsfeinde fühlen: Weil Google dieApp schon zweimal aus seinem App-Store Google Play geworfen hat, muss man in den Einstellungen das Installieren von Apps unbekannter Herkunft erlauben und die App anschließend im Browser downloaden. Danach kann man sich zwischen der kostenlosen und kostenpflichtigen Variante entscheiden. Leider bietet die kostenlose Variante deutlich weniger als die Desktop-Version: Hier kann man nur sehen, welche Tracker sich auf einer Seite befinden, davor geschützt ist man nicht. Die App versteht sich auch nicht als voll funktionsfähiger Browser – was angesichts fehlender Features wie Adressleiste, Zoom oder Tabs auch vermessen wäre. Will man also Schutz vor Trackern und das auch in anderen Browsern, muss man sich die Bezahl-Variante für 5 US-Dollar (4,48 Euro) im Monat holen.


NoScript und ScriptSafe

Noch weiter als Ghostery und Disconnect gehen die Add-Ons NoScript (für Firefox) und ScriptSafe (für Chrome). Statt nur ausgewählte Tracker zu blocken, blocken sie jede Art von JavaScript, Java, Flash und anderen Plugins auf Webseiten. Auch das verhindert effektiv Tracking, führt aber auch genauso oft zum Zusammenbruch der jeweiligen Seite.

Wer NoScript beziehungsweise ScriptSafe nutzen will, sollte deshalb Spaß daran haben, für jede Website festzulegen, welche Scripts erlaubt sind und welche weiterhin geblockt werden. Wobei die Sache dadurch komplizierter wird, dass die Dienste nicht sagen, welche Scripts für eine Seite wichtig sind, welche tracken und welche eigentlich ein komplett harmloses Dasein fristen.


Auf dem Smartphone gibt es NoScript beziehungsweise ScriptSafe bisher nicht. Man findet lediglich eine Version von NoScript für den mobilen Firefox -aber auch die ist mit dem aktuellen Browser nicht kompatibel.


AddBlock Plus

Weil mittlerweile so gut wie jede Werbung im Netz gleichzeitig die User trackt, sind Anti-Tracking-Dienste wie Ghostery, Disconnect oder NoScript auch effektive Werbekiller. Und andersherum funktionieren Werbe-Blocker einwandfrei als Anti-Tracking-Tools. Beispielsweise das seit Jahren beliebte Add-On „AdBlock Plus“. Ursprünglich programmiert, um Popups, Banner und Werbung, die sich von links, rechts, unten und oben einschiebt zu bekämpfen, ist es heute ein ebenso gutes Anti-Tracking-Tool.

Die Installation geht schnell und einfach, danach wird es aber kurz tricky: Denn AdBlock Plus funktioniert über Filter-Listen. Ein ausreichender Werbe-Filter ist voreingestellt. Beim Hinzufügen von Filtern, die reine Tracking-Scripte, Cookies oder Social Plugins wie den Facebook-Button blocken, verzweifelt man aber so lange, bis man die nirgendwo verlinkte Feature-Seite gefunden hat. Dann allerdings geht alles wieder ganz schnell und einfach. Einen kleinen Rest schlechtes Gewissen sollte man bei Werbe-Blockern wie AdBlock Plus aber auch haben: Schließlich killt man damit oft die einzige Finanzierungsmöglichkeit der betroffenen Webseiten.


Auf dem Smartphone gibt es AdBlock Plus offiziell nicht mehr. 2012 wurde es medienwirksam mit allen anderen Werbe-Blockern aus dem Play Store von Google geschworfen. Für iPhones gab es erst gar keine App. Seitdem gibt es die App für Android-Geräte wie im Fall von Disconnect nur noch per Download via Browser. Für Apple-User gibt es das Safari-Add-On Adblock, das einen ähnlich guten Job macht.


Keine hundertprozentige Anonymität

Egal ob Ghostery, Disconnect, NoScript oder AdBlock Plus: All diese Dienste verhindern effektiv, dass man von Dritten getrackt wird. Im Fall von Ghostery und Disconnect sogar denkbar einfach. Man muss schon lange kein Tech-Nerd mehr sein, um sich erfolgreich gegen die Datensammelwut der Werbefirmen zu wehren. Ghostery macht das als eigenständige App auch auf dem Smartphone schon ganz gut. Die anderen Anbieter hinken bei Apps noch ein wenig hinterher.

Trotzdem surft man damit noch lange nicht anonym: Auch mit Anti-Tracking-Diensten werden der Webseite, die man besucht, die IP-Adresse, die Browser-Version, der Ort und im Extremfall sogar die installierten Add-Ons und die verwendete Schriftart übermittelt. Aber eben auch nur dieser Webseite und nicht mehr. Damit kann man dann allerdings trotzdem wieder identifiziert werden. Auch Geheimdienste wie die NSA, der GCHQ oder der BND kommen noch an Informationen. Will man das verhindern, muss man auf etwas kompliziertere Dinge wie VPN-Clients oder den Tor-Browser zurückgreifen.

Anti-Tracking-Dienste sind deshalb nicht die endgültige Lösung des Problems. Aber im Moment der einfachste Weg, sich zumindest ein bisschen Privatheit im Netz zurückzuholen.

Den Originalartikel mit zahlreichen Klicktipps und zusätzlichen Inhalten zum Thema finden Sie bei PULS, dem Jugendprogramm des Bayerischen Rundfunks

Whistleblowerin Annie Machon „Die deutschen Geheimdienste betteln offenbar darum, der NSA Informationen liefern zu dürfen“

Annie Machon war eine Whistleblowerin, bevor der Begriff fast schon Teil der Popkultur wurde. Nach sechs Jahren beim britischen Geheimdienst MI5 konnte sie es nicht mehr mitansehen, wie der MI5 Minister ausspioniert, Telefone illegal abgehört und die Regierung belogen hat. Wir haben sie auf der re:publica in Berlin getroffen.

Verstecken kann sich niemand mehr

Facebook sammelt nicht nur Daten seiner Mitglieder, sondern aller, die das Internet nutzen. Das Netzwerk erkennt jeden Einzelnen und verkauft uns an die Werbung. Was ist der nächste Schritt? Ein Beitrag von Wolfie Christl.

Charakter, politische Einstellung, sexuelle Orientierung, Risikoverhalten – all das offenbart ein Facebook-Profil, selbst wenn wir diese Informationen nicht bewusst teilen. Studien haben gezeigt, dass sich allein aus unseren Likes viele Schlussfolgerungen ziehen lassen. Doch was macht Facebook selbst mit den Daten? Das Unternehmen öffnet seinen Datenschatz für Firmen in allen Wirtschaftsbereichen. Durch die Zusammenarbeit mit anderen Datenhändlern sollen wir jederzeit eindeutig wiedererkannt werden – gleich, mit welchem digitalen Gerät wir unterwegs sind, zu Hause, bei der Arbeit oder an der Supermarktkasse.

Facebook verfügt über gewaltige Mengen an Informationen über Alltag und Verhaltensweisen seiner 1,4 Milliarden Nutzer. Inklusive Instagram und Whatsapp werden inzwischen Daten von 2,4 Milliarden Menschen erfasst. Die Daten gehen nicht nur aus der Nutzung der Online-Plattform oder der Smartphone-Apps hervor, auch das Surfverhalten auf anderen Websites wird erfasst. Dafür reicht es, wenn auf einer Website ein Like-Button oder eine Login-Funktion via Facebook eingeblendet wird – schon kann das Netzwerk verfolgen, wer auf dieser Seite gerade was macht.

Das Ergebnis: Kaum ein Unternehmen auf dem Globus kennt uns besser als Facebook. Das gilt nicht nur für die Mitglieder, sondern für potentiell alle Nutzer. Über den Zugriff auf die Adressbücher unserer „Freunde“ werden E-Mail-Adressen und Telefonnummern von Menschen gesammelt, die gar nicht bei Facebook sind. Die daraus resultierenden Daten sind eine Goldgrube. Denn mit diesem Wissen kann Facebook ziemlich treffsicher personalisierte Werbung anbieten. Unternehmen können gezielt Anzeigen schalten. Sie können aber auch ihre kompletten Kundendatenbanken mit einem Klick an Facebook schicken. Über die E-Mail-Adressen oder Telefonnummern werden einzelne Nutzer erkannt, um gezielt nur für sie Werbung anzubieten. Ein ziemlich lukratives Geschäft – 2014 machte Facebook einen Umsatz von rund 12,5 Milliarden Dollar.

Daten über nahezu jeden deutschen Haushalt

Und trotzdem ist man bei Facebook unzufrieden. Nur ein kleiner Teil der Daten wurde bisher zu Geld gemacht, nur ein Bruchteil des Potentials erschlossen. Seit rund zwei Jahren arbeitet Facebook daran, die gesammelten Daten zu Geld zu machen. Facebook kooperiert mit Datenhändlern wie Acxiom, Epsilon, Datalogix oder Bluekai. Acxiom ist erfahren im Geschäft mit Konsumentendaten. Es betreut die Kundendatenbanken von 15000 Unternehmen und verfügt über Dossiers mit bis zu 3000 einzelnen Eigenschaften von etwa 700 Millionen Menschen – von Einkommen über Gesundheitsinteressen bis zum Wahlverhalten. Dabei wird nicht nur die amerikanische Bevölkerung abgedeckt, auch über nahezu jeden deutschen Haushalt liegen Profildaten vor. Die Firma Datalogix greift auf Daten aus Einkäufen über ein Volumen von zwei Billionen Dollar zu.

Hier treffen Online- und Offline-Welt aufeinander. Firmen können Werbung auf Facebook schalten, die genau zu dem passt, was jemand gerade gekauft hat. Umgekehrt soll es möglich sein, jemanden beim Einkauf im Geschäft als denjenigen zu erkennen, der zuvor auf eine bestimmte Online-Anzeige reagiert hat. Durch diese Verknüpfung können Menschen fast rund um die Uhr überwacht werden, egal, was sie gerade machen.

Ein Code, der für jede Person eindeutig ist

Doch es gibt einige Hürden: Damit Firmen wie Facebook und Acxiom ihre Daten verknüpfen können, müssen die Nutzer immer wieder eindeutig identifiziert werden. Nur wenn beide Parteien wissen, um welche Person es geht, sind die Daten richtig zuzuordnen. Offiziell erfolgt die Verknüpfung anonymisiert. Doch kommen hier die E-Mail-Adressen und Telefonnummern der Nutzer – und die ihrer Freunde und Freundesfreunde – ins Spiel. Natürlich werden sie nicht direkt ausgetauscht. Man hat sich auf eine allen beteiligten Unternehmen bekannte Anonymisierungsmethode geeinigt. E-Mail-Adressen und Telefonnummern werden zu Zahlen- und Zifferncodes. Das Ergebnis: kein Name, keine Adresse, sondern ein sogenannter „Hash-Wert“. Alle anderen Daten können unverändert bleiben.

Werden auf diese Weise scheinbar anonymisierte Datensätze ausgetauscht, genügt es, wenn eine der beteiligten Firmen ebenfalls die E-Mail-Adresse oder Telefonnummer einer Person kennt, und schon wird man erkannt. Der Hash-Wert kann leicht berechnet und mit dem erhaltenen Wert abgeglichen werden. Volltreffer! Die Hash-Werte werden immer auf die gleiche Weise von E-Mail-Adresse oder Telefonnummer abgeleitet und ergeben immer das gleiche Ergebnis: ein Code, der für jede Person eindeutig ist – und über den jeder, trotz vermeintlicher Anonymisierung, eben doch jederzeit zugeordnet werden kann.

Eine kontinuierliche Kette an Hinweisen

Bisher wurden die Nutzer online vor allem mit Hilfe sogenannter Cookies verfolgt. Das sind kleine Dateien, die meist ohne Wissen des Nutzers auf dessen Computer gespeichert werden. Sie enthalten einen Code, mit dem die Nutzer beim nächsten Besuch identifiziert werden können. Das funktioniert aber nur, wenn die Nutzer immer denselben Computer und denselben Browser verwenden. Sobald sie den Computer wechseln oder wenn ein Computer von mehreren Personen genutzt wird, kommen die Cookies durcheinander. Und was ist mit Smartphones und Tablets? Da lassen die Cookies Facebook und andere Datenhändler fast ganz im Stich.

Helfen soll die Firma Atlas, die Facebook 2013 von Microsoft gekauft hat und seither für die eigenen Zwecke umbaut. Atlas ist zwar eine Tochterfirma, hat laut Facebook-Nutzungsbedingungen aber vollen Zugriff auf die Daten der rund 1,4 Milliarden Nutzer. Atlas soll nun ermöglichen, einzelne Personen in allen denkbaren Situationen eindeutig wiederzuerkennen – im Idealfall sogar dann, wenn die Nutzer andere Geräte wie ein Fitnessarmband, das Navigationsgerät im Auto oder einen „intelligenten“ Fernseher verwenden und wenn sie im Geschäft einkaufen. Und nicht nur dann, wenn sie gerade Facebook nutzen oder eine Seite besuchen, die einen Like-Button eingebaut hat, sondern auch im restlichen Netz.

Dabei wird mit verschiedenen technischen Tricks versucht, die Spur der Nutzer weiterzuverfolgen. Um sie nicht zu verlieren, wird eine kontinuierliche Kette an Hinweisen gelegt, die die Wiedererkennbarkeit auch dann sicherstellt, wenn die Nutzer auf Websites unterwegs sind, die keinen Like-Button von Facebook haben.

Mehr als die Hälfte der Zeit wird getrackt

Dreh- und Angelpunkt bei dieser Schnitzeljagd durchs Netz ist der Benutzeraccount. Jeder Facebook-Nutzer hat eine Nummer, und diese Nummer kennt auch Atlas, weil sie Facebook in das Atlas-Cookie hineinschreibt. Wenn Atlas nun auf einer von Facebook unabhängigen Website Werbung schaltet und der Nutzer diese besucht, holt sich Atlas diese Nummer aus dem Atlas-Cookie und kann ihn sofort als Facebook-Nutzer wiedererkennen. Ähnlich auf dem Smartphone: Dort gibt es zwar keine Cookies, dafür hat jedes Gerät eine Identifikationsnummer. Sobald sich jemand bei Facebook einloggt, wird die Nummer des Geräts mit dem Facebook-Account synchronisiert. Dadurch bekommt Atlas auch Aktivitäten außerhalb der eigenen Apps mit. Facebook behauptet, mit Hilfe dieser Technologie im Schnitt mehr als die Hälfte der Zeit tracken zu können, die die Nutzer heute mit ihrem Smartphone verbringen.

So wird durch die geschickte Kombination von Cookies, Identifikationsnummern von Geräten und Facebook-Accounts eine Nachverfolgung möglich, die browser-, geräte- und plattformübergreifend funktioniert. Aber wie wird der Einkauf im Geschäft mit dem Profil verknüpft? Kein Problem, solange an der Kasse eine E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer hinterlassen wird – wenn etwa mit einer Kunden- oder Bonuskarte bezahlt wird.

Ein weltweites Netzwerk an Datensammlern

Das Ende der Möglichkeiten ist noch lange nicht erreicht. Atlas kündigt fast wöchentlich neue Kooperationspartner an, vor kurzem wurde etwa eine Zusammenarbeit mit der Firma Merkle bekanntgegeben. Dieses Unternehmen verwaltet fast vier Milliarden Kundendatensätze. Zwei der vier großen Datenhandelsunternehmen – BlueKai und Datalogix –, mit denen Facebook zusammenarbeitet, gehören inzwischen zum IT-Konzern Oracle, einem der größten Hersteller von Datenbanken und von Software, mit denen Unternehmen ihre Kundendaten verwalten.

So entsteht ein weltweites Netzwerk an Datensammlern, dem wir fast nicht mehr entkommen können. Ob online oder offline, ob mit dem Computer oder dem Smartphone, ob Studentin oder Rentner – Facebook weiß, was wir machen, und macht dieses Wissen zu Geld. Und ob es nur bei personalisierter Werbung bleibt?

Wolfie Christl ist Datenhandelsexperte und recherchiert für die Web-Doku-Reihe Do Not Track. Das Projekt vom Bayerischen Rundfunk, Arte, National Film Board of Canada und Upian gibt Nutzern unter www.donottrack-doc.de die Möglichkeit, anhand ihrer Daten zu prüfen, wer sie im Internet überwacht. An diesem Dienstag wird die Episode zum Thema Facebook veröffentlicht. Den Originalartikel finden Sie bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Auf Unternehmen könnten massive Kosten für Datenschutz zukommen

Nationale Regierungen wollen sie, die Industrie auch. EU-Gremien erarbeiten seit Jahren Vorschläge für die europäische Datenschutz-Grundverordnung. Doch die Anforderungen, die dadurch entstehen, könnten deutsche Unternehmen Milliarden kosten. Dies geht hervor aus einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Paukenschlag: BAG erlaubt Einwilligungen zum Umgang mit personenbezogenen Daten im Arbeitsverhältnis

Bislang waren Arbeitgeber erheblichen rechtlichen Risiken ausgesetzt, wenn sie Daten ihrer Beschäftigten auf der Grundlage von Einwilligungen erheben oder nutzen wollten. Die Aufsichtsbehörden für den Datenschutz sehen solche Einwilligungen im Arbeitsverhältnis grundsätzlich nicht als Erlaubnis zum Umgang mit Informationen über Arbeitnehmer an. Bislang gab es zu dieser Frage auch keine klare Rechtsprechung. Dies hat das BAG nun mit einer Entscheidung geändert, deren Begründung kürzlich bekannt geworden ist, (Aktenzeichen 8 AZR 1010/12). Diese Entscheidung der Erfurter Richter hat erhebliche Folgen für den Beschäftigtendatenschutz. Sie schafft Rechtssicherheit. Die neue Rechtsprechung erlaubt Arbeitnehmern und Arbeitgebern, den Datenschutz bei einzelnen Datenverarbeitungen auf der Grundlage transparent gestalteter Einwilligungserklärungen zu regeln.

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