{"id":9921,"date":"2015-04-23T09:22:58","date_gmt":"2015-04-23T09:22:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.donottrack-doc.com\/?p=9921"},"modified":"2015-05-12T10:18:39","modified_gmt":"2015-05-12T10:18:39","slug":"facebook-der-marktplatz-der-eitelkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.donottrack-doc.com\/de\/facebook-der-marktplatz-der-eitelkeiten\/","title":{"rendered":"Facebook: Der Marktplatz der Eitelkeiten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir gehen nicht mehr auf die Stra\u00dfe. Facebook ist das Revier unserer Generation. Trotz massiver Datenschutzverletzungen wenden wir uns ihm zu, wie einem sich unserer Liebe verweigernden Vater. Woher kommt diese Macht, die uns erstarren l\u00e4sst? Sind wir wirklich so jung und frei, wie wir uns gerne sehen wollen?\u00a0Von Laura Nunziante (<a href=\"http:\/\/wyme.de\/facebook-der-marktplatz-der-eitelkeiten\/\" target=\"_blank\">wyme<\/a>).<\/strong><\/p>\n<p>Steffi M. liegt am Strand. Neben ihr liegt Lenni. Lennis Windel ist voll, das sehen wir auf dem Bild; er hat einen Pickel auf der Stirn. Beide l\u00e4cheln in die Kamera, sie schlie\u00dfen die Augen vor dem Sonnenlicht. Dieses Bild ist bezeichnend: Wir alle verschlie\u00dfen die unseren vor der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Denn real ist nur das, was das Netz verst\u00e4rkt. Der Uniabschluss? Egal. Es sei denn, ich bekomme daf\u00fcr 87 Likes. Meine Beziehung? Eure Kommentare formen meine Liebe zu dir. Wenn ich Justin Timberlake auf der Stra\u00dfe treffe und kein Selfie mit ihm poste, habe ich ihn dann wirklich getroffen?<\/p>\n<p>Unsere b\u00fcrgerliche Existenz w\u00e4re bedroht, z\u00f6gen wir uns digital zur\u00fcck. Dabei ist es unerheblich, ob unsere Rechte mit F\u00fc\u00dfen getreten werden: Auf meinem Profilbild sehen meine Br\u00fcste gro\u00df aus. Das ist zumindest die Logik derer, die nichts zu verbergen haben. Schlimmer noch, sie wollen nichts verbergen. Wie aufregend mein Leben, mein Job, mein Sex ist \u2013 in der neuen Welt obliegt dies der W\u00e4hrung der Daumen.<\/p>\n<p>Jedes Jahr an meinem Geburtstag, denke ich nach dem Aufwachen dar\u00fcber nach, was ich dazu posten werde. Geschenke und Karten fotografiere ich akribischer als die Spurensicherung einen Tatort. Ohne Beweise, keine T\u00e4ter.<br \/>\nSchon lange vor einer Reise denke ich dar\u00fcber nach, welche Bilder ich hochlade, um den anderen meine Erfahrung n\u00e4her zu bringen. Mir selbst ist sie l\u00e4ngst abhanden gekommen.<\/p>\n<p>Die anderen. Wer ist das eigentlich? Es sind die Jennys und Pauls, die ich einst betrunken auf Putin vollgelabert habe. Es sind die Grundschulleichen, die ich l\u00e4ngst vergraben hatte und jetzt reanimiere, um Best\u00e4tigung f\u00fcr meine avantgardistische Nichtigkeit abzugreifen. Ich kenne sie nicht mehr, sie kennen mich nicht mehr. Aber wir brauchen uns doch irgendwie. Die Abwesenheit virtueller Best\u00e4tigung w\u00e4re unser Untergang. Das wei\u00df auch Steffi M., wenn sie ein solch intimes Foto vom schutzlosen Lenni postet, sichtbar f\u00fcr die ganze Welt. Sein hilfloses Grinsen reicht ihr nicht, um sein Dasein zu begreifen. Erst die Best\u00e4tigung ihrer Eitelkeit durch das Like der anderen macht ihn echt.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t findet zunehmend auf einer Plattform statt, die nicht mal halbwegs clever dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen kann, dass ihr unsere Grundrechte schei\u00dfegal sind. Schlimmer noch, die Ausbeutung jener war von Anfang die Begr\u00fcndung seiner Wirtschaftlichkeit. Denn User sind keine Menschen. Wir sind Datenfragmente im Strudel der Zeit und als solche Ressource.<\/p>\n<p>Wir kennen die Wahrheit, doch drehen uns schneller weg als einer, der Zeuge einer Straftat wird. Weil das falsche Ich uns wichtiger ist als die Basis, die unser Zusammenleben begr\u00fcndet. Facebook wei\u00df alles, muss alles wissen. Ohne Facebook g\u00e4be es kein Erleben mehr. Alles Unmittelbare haben wir gegen einen h\u00e4sslichen, blauen Daumen getauscht. Alles ist holde Eitelkeit, vermarktet und verramscht.<\/p>\n<p>Das digitale Netzwerk erzeugt in uns die Illusion einen individuellen Charakter zu haben, der jedoch von ihr alleine bestimmt wird. Wir vergleichen uns mit Fremden, die uns t\u00e4glich im Newsfeed begegnen. Aus dem menschlichen Wunsch heraus, dazuzugeh\u00f6ren, sind wir bereit unseren Datenschutz und damit unsere Grundrechte bei jedem Login aufs Neue zu verwetten. Und das wei\u00df Facebook nur zu gut.<\/p>\n<p>Und was bleibt? Die Auflehnung? Es w\u00e4re der Tod der l\u00e4ngst Geh\u00e4ngten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wyme.de\/facebook-der-marktplatz-der-eitelkeiten\/\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-9925  alignleft\" src=\"https:\/\/blog.donottrack-doc.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/cropped-cropped-video-logo-in-der-ecke113-300x106.jpg\" alt=\"wyme\" width=\"156\" height=\"55\" srcset=\"https:\/\/blog.donottrack-doc.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/cropped-cropped-video-logo-in-der-ecke113-300x106.jpg 300w, https:\/\/blog.donottrack-doc.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/cropped-cropped-video-logo-in-der-ecke113-1024x363.jpg 1024w, https:\/\/blog.donottrack-doc.com\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/cropped-cropped-video-logo-in-der-ecke113.jpg 1044w\" sizes=\"(max-width: 156px) 100vw, 156px\" \/><\/a><strong>Dieser Beitrag wurde von der wyme-Autorin Laura Nunziante f\u00fcr Do Not Track verfasst.\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir gehen nicht mehr auf die Stra\u00dfe. 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